Wer kennt eigentlich den Freitag? Kaum jemand, was sehr schade ist. Klein und unbekannt fristete die Berliner Wochenzeitung in den letzten Jahren ein Schattendasein in der Medienlandschaft. Auf den ersten Blick etwas altmodisch anmutend, zeichnete sich der Freitag stets durch kritischen und durchdachten Journalismus aus. Nun wurde der Freitag rundum erneuert, mit einem gewagten, aber innovativem Konzept.
Vor ein paar Monaten kaufte Jakob Augstein, Sohn von Rudolf Augstein, den Freitag. Schnell häuften sich kritische Stimmen aus der Leserschaft, es wurde eine “feindliche Übernahme” vermutet. Augsteins Äußerungen legten nahe, dass er den Freitag in Richtung des Mainstreams umgestalten würde. Dies wäre in Zeiten des neoliberalen Einheitsbreis wirklich ein großer Verlust für die deutsche Medienlandschaft. Doch die Sorgen scheinen nicht angebracht zu sein. Die alte Redaktion des Freitags bleibt erhalten, wird aber um einige Mitarbeiter erweitert. Das ist logisch, weil der Freitag in Zukunft auch tagesaktuelle Artikel im Internet veröffentlichen will. Zudem hat Augstein eine Zusammenarbeit mit dem britischen Guardian vereinbart, sodass der Freitag künftig auch auf deutsch übersetzte Texte des britischen Blattes veröffentlichen wird. Das Neue am neue Freitag ist, dass auch die Leser sich stark an der Zeitung beteiligen können. Ausgewählte Artikel der Benutzer erscheinen im Onlineangebot, farblich gekennzeichnet, neben den normalen Artikeln, besonders lesenswerte werden sogar in der Printausgabe veröffentlicht. Durch diese Kooperation mit seiner Leserschaft hebt sich der Freitag von den anderen Zeitungen deutlich ab, die (wenn überhaupt) auf ihren Websites meist nur verkümmerte Kommentarbereiche haben. Andererseits birgt das Vertrauen in die Leserschaft auch ein gewisses Risiko, denn die muss das ganze natürlich auch mitmachen. Im Falle des Erfolges wäre es auf jeden Fall ein bedeutender Schritt zu mehr Demokratie in der Medienwelt.
Seit heute (der Freitag erscheint jetzt immer schon donnerstags) gibt es die neue Ausgabe. Auf der Website kann man sie sich im PDF-Format angucken, die Artikel gibt es aber auch alle normal im Online-Angebot. Die Printausgabe macht auf mich einen überzeugenden Eindruck. Die neue Website (“Beta-Version”) finde ich noch ein wenig unübersichtlich, da könnte man noch ein bisschen nachbessern. Alles in allem aber lässt die Neugestaltung hoffen, dass der Freitag bekannter wird. Dann kann man ihn vielleicht auch hier in der Gegend am Kiosk kaufen. Gibt ja auch schon genug Spiegel- und Focus-Schrott.
Screenshot: www.freitag.de
Tags: der Freitag, Donnerstag, Guardian, Medien, Print, Rudolf Augstein, Zeitung
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