Was ist Gerechtigkeit?

Nachdem Kricke seinen Beitrag zu dem Wettbewerb “Was ist Recht? Was ist Gerechtigkeit?” bereits veröffentlicht hat, ziehe ich nun nach.

Was ist Gerechtigkeit?

Wenn wir doch mal ehrlich sind: Gerechtigkeit gibt es nicht. „Gerechtigkeit wollen wir schaffen!“, vernehme ich als lautes Geschrei aller Parteien von FDP bis DIE LINKE vor der Bundestagswahl, Landtagswahl oder zu jeder Zeit, in der man um die Gunst der Wähler betteln muss. Damit ist klar, Gerechtigkeit hängt mit Politik zusammen. Zumindest könnte man das fast denken. Politiker die neuen Philosophen? Grässliche Vorstellung sich diese Jurastudentenversammlung als Denkmotor und Denkanstößler der Moderne vorzustellen. Nein, das sind Phrasendrescher, sagt schließlich – wenn auch etwas wohl formulierter als ich – Friedrich Merz im Aufsatz zu Gerechtigkeit. Aber ich komme mal wieder vom Thema ab.

Ich will nicht unhöflich sein und stelle mich erst einmal vor: Ich bin Gerhard Schnabel. Grauenhafter Name finden sie nicht auch? Aber darauf komme ich sofort zurück. Ich bin 19 Jahre alt und ich darf es doch mal so formulieren, überdurchschnittlich intelligent. Meine Familie ist eine Durchschnittsfamilie. Sie verdienen durchschnittlich und allgemein ist mein Leben durchschnittlich. Unser Familie fehlen zwar noch 0,4 Kinder zur kompletten Durchschnittsfamilie, aber man gönnt sich ja sonst  immer zu viel. Sie sehen, auf eine gewisse Art und Weise, die kaum bemerkbar ist und doch einem forsch auf die Stirn klopft, bin ich langweilig. Das liegt aber nicht an mir. Es liegt an meiner Existenz und somit auch an meinen Eltern! Meine Geburt, meine Existenz, ist sozusagen schon ungerecht. Ich hatte keine Wahl bei welcher Frau ich aus dem Körper schlüpfe. Nein, es musste bei Lisa Schnabel sein, es musste. Das ist schon mal die erste Ungerechtigkeit. Es ist auch die Größte. Unser Leben basiert auf dem Fundament der Ungerechtigkeit. Zusätzlich dazu bekam ich von meiner Mutter auch noch diesen grässlichen Namen verpasst. Konnte sie mich nicht einfach Karl nennen oder Lukas? Etwas Moderneres hätte es schon sein können. Oder zumindest so alt, dass es wieder ausgefallen ist. Aber Gerhard klingt wie ein Dorftrottel aus einem abgeschnittenen 500-Seelenkaff, das sich gerade mal so einen Dorfladen leisten kann. Außerdem finde ich es ungerecht, dass ich auch auf der Erde geboren werden musste. Wieso? Wieso konnte ich nicht in einer Welt geboren werden die weniger ungerecht und weiter entwickelt ist. Das käme mir entgegen, denn die meisten Menschen sind Arschlöcher und ihnen im Arsche zu lecken widerstrebt mir. Hach Faust.

Aber zurück: Meine Existenz ist ungerecht. Ich durfte mir nichts aussuchen. Irgendwann war ich da. ICH in einen Ort geworfen und nun stehe ich vor der Grundschule und denke mir “Scheiße!”. Nein, natürlich dachte ich das nicht. Als Kind ist man immer sehr aufgeregt wohin man auch neues kommt. Heute aber denke ich, so hätte ich denken sollen. Ich kam in die Walrossklasse zu Frau Bessing. Gefiel mir ehrlich gesagt nicht so gut. Die anderen Klassen waren viel interessanter. Es ist ungerecht, dass ich nicht in die andere Klasse konnte.
Es geht dem Menschen nicht um Gerechtigkeit, es geht ihm bloß um Ungerechtigkeit. Es ist ungerecht oder nicht gerecht, um es versteckter zu formulieren, dass Person X schlauer ist als ich. Person X darf dümmer sein als ich, oder auf meinem Level sein. Aber er darf nicht intelligenter sein. Was ich dabei einfach außen vor lasse ist, dass ich mich nicht ärgere das ich weniger intelligent bin. Nein, ich erachte mein Level an Intelligenz als Richtwert. Als WIRKLICH GUTEN Richtwert. Alles was darüber ist akzeptiere ich nicht und rede es schlecht. Es ist eben ungerecht. Das ist übrigens eine super Methode, somit muss man sich nicht mit seiner eigenen Intelligenz und den Möglichkeiten abfinden. Ein schönes Phänomen und die beste Taktik. Mehr lernen? Mehr dafür tun, um besser zu sein? Nein! Es ist ungerecht was der andere hat, weil er es hat und nicht ich. Habe ich einen Vorteil befinde ich das für natürlich und nicht für ungerecht, der Dümmere soll sich gefälligst mit seinem Schicksal abfinden. Ich finde, das ist eine sehr moderne Denkweise, finden Sie nicht auch? So funktioniert doch auch das Denken der Reichen und “Schönen”. Und wer strebt nicht nach Höherem? Sollen die Ärmeren eben härter arbeiten, so wie ich. Ihre Leistung akzeptiere ich erst dann, wenn sie mein Level erreicht haben, vorher arbeiten sie zu wenig. Die Unteren schreien nach Gerechtigkeit und die Oberen brauchen keine. Dass die Unteren bloß nach Gerechtigkeit schreien ist ein Aufrechterhalten eines Trugbildes. Denn Gerecht ist nicht einmal die Existenz noch die Essenz des Seins. Sie müssen nicht bloß die Phrasendrescherei der Politiker nach äffen, nein sie müssen klar formulieren was nicht funktioniert und es nicht als Ungerechtigkeit deklarieren. Zumindest führt uns das Beharren auf der Gerechtigkeit nicht nach vorn, sondern eher rückwärts. Wir entfernen uns vom Übermenschen nach Nietzsche mehr als das wir uns ihm nähern. Sie mögen das in Ordnung finden, sofern sie denn die Theorie des Übermenschen für sozial unverträglich halten.

Uns hier in Deutschland geht es gut und den Menschen in Afrika geht es schlecht. So wischt man bei vielen rhetorisch Unbegabten jeden letzten Zweifel über die sozialpolitische Zukunft weg. Das hat ihnen ihre Mutter bestimmt auch schon mal erzählt, dass sie aufessen müssen weil …die armen Kinder in Afrika halt. Welch ein fieses Argument finden sie nicht auch? Und natürlich aßen sie ihren Teller dann ganz brav auf. Aber das hat dem Kind in Afrika nicht mehr oder weniger gebracht. Vielmehr ist es eine Heuchelei! Eine nützliche, aber trotzdem eine Heuchelei. Nicht, dass ich dazu aufrufe das Essen weg zuschmeißen, Gott bewahre, äh nein sagen wir lieber Essen bewahre (in unseren Müllkippen wie Bäuchen). Nein, nur das Kind in Afrika wird von der Redewendung auch nicht satter. Die Probleme des Kindes in Afrika sind ganz andere und von dringlicherer Natur als das es sich darüber ärgern müsste das Klein Gerhard nicht den Karottenbrei aufessen will.

Gerechtigkeit existiert nicht. Wie oft ich das wiederholen will fragen sie sich? So oft wie sie und die Menschen das Wort so benutzen. Fälschlich. Inflationär. Immer wenn wir unzufrieden sind, rührt das aus einer Ungerechtigkeit her. Übertrieben? Natürlich, aber auch wenn es Fehler von uns sind, sind wir nicht nur sauer auf uns, manche Prachtexemplare können sich dabei ertappen das Missgeschick dem anderen an den Hals zu wünschen. Warum nicht er, das ist nicht gerecht. Sie verstehen? Aber was wäre die wahre Gerechtigkeit aus dem Volksmund?
Gerechtigkeit würde in unserem Sprachgebrauch bedeuten, dass jeder Mensch gleich ist. Der totale Kommunismus im Volksmund. Kommunismus ist hier vielleicht das falsche Wort, aber da ich vom Volksmund ausgehe, denke ich an die These Kommunismus ist, dass alle gleich sind. Eine Welt, ein Volk. Jeder ist gleich, hat gleich viel Gehirn, gleich viel Intelligenz. Jeder macht das Gleiche. Im Prinzip ist das der Untergang des Menschen. Jeder Individualismus ausgelöscht bedeutet Gerechtigkeit für jeden. Solange alle so dumm sind, damit zufrieden zu sein genau so lange herrscht Gerechtigkeit. Das ist dann aber wirklich eine Herrschaft, eine Herrschaft der Langweile. Der Mensch ist im Prinzip nicht mehr Mensch sondern zu einer Art Massenmedium geworden. Ein Kollektivgedächtnis. Ist das nicht eine schöne Vorstellung? Ich mein Viele wünschen sich doch das Haus, die Arbeit, die Freunde, die Frau ein leben lang. Es darf sich nichts verändern. Die Nomaden sind längst aus unseren Köpfen verschwunden. Zum Glück! Wo kämen wir hin mit Entwicklung? Vorwärts in die Vergangenheit! So aber, und wäre das nicht die perfekte Welt, sind wir stehen geblieben. Zeit würde unwichtig werden. Schmerz auch. Ja auch unsere Existenz wäre völlig bedeutungslos. Das Sein ist nicht mehr aus einer Ungerechtigkeit heraus geboren. Nein, es wurde nie geboren.

In John Miltons Epos „Paradise Lost“ spricht Satan die Worte „ Better to reign in hell than serve in heaven.“. Das ist total schwachsinnig. Geschaffen hat Satan die eine riesige Neidgemeinschaft. Er und seine gefallenen Engel waren bzw. sind bloß neidisch auf die neuen Lieblinge Gottes: Den Menschen. Wäre Satan bloß im Himmel geblieben.

Gerhard Schnabel

PS. Mein Bruder hat mich gebeten ein paar Worte im Postskriptum hinterlassen zu dürfen:
Ich habe soeben den Brief meines Bruders gelesen, die Ansätze sind gut und auch der Schreibstil ist ordentlich, doch und das darf man wirklich sehr kritisieren fehlt es dem Text an Tiefgang und Struktur . Das könnte man auch als stilistisches Mittel bezeichnen, ich weiß aber, dass Gerhard, hier einfach herumspinnt. Das meine ich nicht negativ sondern positiv, denn Aufsätze dürfen sie  von ihm nicht erwarten, die kann er nicht verfassen. Zu schwer, zu trocken und theoretisch seien sie. Recht hat er. Aber trotzdem will ich seine Ausführungen gerne ergänzen bzw. abschließen.
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind eigentlich Dinge, die gut sind. Auch wenn es sich bei meinem Bruder sehr negativ liest, wenn man die Ansätze oder Beobachtungen betrachtet ist  Gerechtigkeit ein Vertrag und ein Mittel der Kommunikation zwischen den Menschen.
Losgelöst von Politik, zumindest von der Wa(h)lfängerpolitik, ist die Frage nach Gerechtigkeit die Frage nach der Zukunft des Menschen in der Welt. Der sogenannte Weltethos ist ein Schritt in die Zukunft ein richtiger auf jeden Fall. Wenn wir einen ethischen Konsens finden fällt eine Beurteilung weltweit gleich aus. Das birgt Gefahren, wie die kulturelle Vereinheitlichung löscht gleichzeitig aber auch Gefahren wie kulturelle Missverständnisse aus. Dass Entwicklungsländer unterstützt werden müssen aus einer menschlichen Verantwortung an die eigene Zukunft und Gegenwart, sollte schon Konsens geworden sein. Übrigens stimme ich Satan im Gegensatz zu meinem Bruder zu. Aber nicht, weil es Satan ist, sondern weil er RECHT hat. Neid ist der Beweis von einer intensiven Wahrnehmung und sollte diskutiert werden. Doch manchmal sollte man Worte benutzen, wenn man reden will.

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