
Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau. Darum CDU!
Noch knapp zwei Wochen bis zur Bundestagswahl. Da ich am Wahl-Wochenende in Weimar sein werde, habe ich Briefwahl beantragt, und heute lag die “amtliche Wahlsache” in meinem Briefkasten. Es müsste eine historische Wahl sein. Hinter uns liegt eine verheerende Finanzkrise, die die Denkfehler der neoliberalen Marktgeilheit nicht spektakulärer hätte aufzeigen können, und für deren Kosten sich vermutlich unsere Enkel noch bei uns bedanken werden. Das letzte Mal, als die Wirtschaft derart gegen die Wand fuhr, ging die deutsche Demokratie gleich mit drauf, die Folgen sind bekannt.
Ganz so fatal ist die Situation diesmal nicht, denn immerhin hat sich die Große Koalition bei der Krisenbekämpfung den eigentlich schon für tot erklärten Keynes wieder ausgegraben, und für die jetzt im ifo-Geschäftsklimaindex und ähnlichen Prognoseorakeln aufglimmende Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung dürften die Konjunkturprogramme im Wesentlichen verantwortlich sein. Dass diese zu spät, zu zaghaft und im internationalen Vergleich zu klein waren, und abgesehen davon auch ziemlich dreist unsozial (nicht nur, dass den Ärmeren die Gebrauchtwagen wie blöde vor der Nase wegverschrottet wurden, den Arbeitslosen zieht man diese sonst für jeden Krösus zu habende Prämie auch noch von der Stütze ab), kann man bemängeln, aber besser als der Harakiri-Sparkurs eines Heinrich Brüning waren sie allemal. Wenn die Unternehmer jetzt frohlocken und Besserung erhoffen, hilft das den um ihren Job bangenden Arbeitern auch nur mäßig, denn die Arbeitslosenzahl ist ein sogenannter Spätindikator, folgt der wirtschaftlichen Entwicklung also mit Verzögerung, weswegen man davon ausgehen kann, dass auf die Proles in den kommenden Monaten noch einiges an Härten zukommen wird.
Jetzt gäbe es also Richtungsentscheidungen zu treffen. Doch wo ist der Wahlkampf? Im Finanzkasino geht das Gezocke wieder los, sei es wegen der Dummheit, Hilflosigkeit oder schlichten Korruption unserer politischen Klasse, die nicht in der Lage oder nicht willens ist, diesem kriminellen Treiben endlich ein Ende (oder wenigstens Schranken) zu setzen. Anstatt die Konsequenzen aus dem Crash zu ziehen, und große Teile des aufgeblähten Finanzsektors abzuwickeln, werden hunderte von Steuermilliarden in “systemrelevanten” Bullshit versenkt – für dieses System ist das Zeug natürlich relevant. Wo vorher jahrzehntelang Privatisierung gepredigt wurde, ist jetzt Verstaatlichung angesagt, aber bitte nur den wertlosen Schrott (Marktwert der Hypo Real Estate: null?) und die toxischen Wertpapiere, alles andere wäre schließlich Sozialismus, da kann man ja gleich die DDR wieder hinstellen. Das Volk schaut dem ganzen vertrauensvoll zu, denn von solch komplizierten Dingen versteht Otto-Normal nichts, und wenn man sich empört, dann über den Dienstwagen von Ulla Schmidt. Die Medien nehmen den Bürger an der Hand und zeigen, worüber man sich aufzuregen hat. Die Geburtstagsparty des Herrn Ackermann im Kanzleramt ist auch so ein Moment der Realsatire, über den man nur noch heiser lachen kann.
Man muss sagen, die Linke hat es ziemlich verbockt. Anstatt darauf hinzuweisen, dass die von den anderen als Sachzwang verkaufte Politik von der Realität als Schwachsinn entlarvt wurde, und dass ihre eigenen Rezepte nicht nur aus moralischer Sicht notwendig sind, sondern auch das einzig gesamtwirtschaftlich vernünftige, betreibt man lieber einen Wahlkampf für Merkbefreite. “Reichtum für alle” – eine schöne Forderung, aber Wasser auf die Mühlen derjenigen, die der Linken Populismus vorwerfen. Lafontaine labert in Talkshows (bspw. Hart aber fair) etwas vom verloren gegangenen Leistungsgedanken, weil das Arbeitslosengeld nach einem Jahr für alle gleich sei, also auch für solche, die nie gearbeitet hätten. Toll. Abgesehen davon, dass das nur so halb stimmt, ist das letzte, was die Republik jetzt braucht, eine Linke, die sich mit FDP-Slogans zu profilieren versucht. Wie wichtig sind Ungerechtigkeiten innerhalb Hartz IV, wenn es einfach generell viel zu wenig ist? Aber den Begriff Populismus kann ich sowieso nicht mehr hören. Man schaue sich nur die FDP an. Steuersenkungen für alle, Gegenfinanzierung durch weniger Schwarzarbeit. Ja ne, ist klar. Das glauben die selbst nicht mal, wie sich auf hartnäckige Nachfrage manchmal herausstellt. Aber was erwartet man auch von einer Partei, deren Vorsitzender seine politische Bildung anscheinend aus der Oliver Geissen Show bezieht?
Das Problem an dieser Wahl ist vor allem, dass keine wirklichen Alternativen geboten werden. Das “Duell” gestern habe ich mir gar nicht erst angetan. Entweder wir kriegen Schwarz-Gelb, oder… hmm. Große Koalition? Jamaika? Eins schlimmer als das andere. Dann doch lieber Pest. Auch wenn es deprimierend klingt: das beste ist wahrscheinlich Schwarz-Gelb. Die SPD muss in die Opposition, muss die rechten Netzwerker – Steineimer und Co – loswerden, damit es wenigstens für 2013 eine Mitte-Links-Perspektive geben kann. Denn mittelfristig gibt es keine Perspektive für eine sozialere Politik ohne die SPD, so dröge und unattraktiv diese untentwegt versagende Partei auch sein mag.
Klarmachen zum ändern? Ich halte die Piratenpartei für überbewertet. Zwar finde ich alle ihre Forderungen gut, aber es gibt auch eine Welt außerhalb des Internets. Und für die haben die Piraten kein wirkliches Konzept. Diese Partei hat in ihrem Programm viel zu große Lücken, als dass ich mich von ihr repräsentiert fühlen könnte. Außerdem halte ich einen Einzug in den Bundestag für absolut unrealistisch, und in den nächsten Jahren wird sie wahrscheinlich wieder in der Versenkung verschwinden. Die Grünen sind dagegen zu einer trendy-militaristischen Öko-FDP verkommen, die ihre Rolle als Zünglein an der Waage zwischen Jamaika und Linksbündnis höchst opportunistisch ausnutzen, siehe Saarland. Wer einen wirklichen Politikwechsel anstrebt, der hat wohl keine Alternative zur Linkspartei. Aber auch wenn jetzt sicher ist, dass die roten Socken in der Opposition landen werden, können sie von dort aus etwas bewegen, indem sie z.B. Druck auf SPD und Grüne ausüben. Das Geflenne darüber in den Medien von BILD bis Spiegel ist außerdem prima Entertainment.
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