Einen langen Wälzer anzufangen, kostet mich immer ein Stück Überwindung. Es wird eine ganze Weile dauern, bis man ein solches Buch durchgelesen hat, und man muss sich auf die Geschichte, die Personen, auf den Schreibstil und die Denkweise des Autors wirklich einlassen. Doch darin liegt die Stärke von Büchern: Gerade man so viel Zeit mit ihnen verbringt, ist die Erfahrung viel intensiver, als wenn man beispielsweise einen Film anschaut, von dem man sich hundert Minuten berieseln lässt, und der dann in der Versenkung des Vergessens verschwindet.
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, vom israelischen Schriftsteller Amos Oz, hat 830 Seiten. Ich habe das Buch vor ein paar Jahren schon einmal angefangen, dann aber nach ca. 80 Seiten aufgehört, nicht weil es mir nicht gefallen hätte, doch hatte ich meine Schwierigkeiten mit der Erzählweise, die sich sehr viel Zeit für einfache, alltägliche Dinge nimmt, und diese sehr intensiv und nachdenklich schildert. In den Sommerferien habe ich es nun ein zweites Mal angefangen, diesmal durchgelesen. Und ich muss sagen, ich habe länger kein Buch mehr gelesen, das mich derart beeindruckt und berührt hat.
Amos Oz beschreibt seine Kindheit im Jerusalem der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts, seine Jugend im jungen Staat Israel, dazwischen Kapitel, in denen es darum geht, wie er im heutigen Israel diese Erinnerungen aufschreibt. Es ist ein ungewöhnliches Buch, ich brauchte eine Zeit, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass die Kapitel nicht chronologisch angeordnet sind, es – wie bei einem autobiographischen Werk ja auch nicht anders zu erwarten – keinen simplen Plot mit rotem Faden gibt, keine Nullachtfuffzehn-Spannungskurve, die zum finalen Showdown mit anschließendem lulligen Happy-End führt. Ob sich die Dinge wirklich so zugetragen haben wie geschildert, ist dabei gar nicht so wichtig, denn es zählt das, was die Geschichte in einem auslöst.
Liebe und Finsternis; es ist schon ziemlich viel Finsternis, die der junge Amos abbekommt, und alle um ihn herum. Eine Menge gestrandete Menschen, deren Gemeinsamkeit erstmal darin besteht, dass sie Juden sind, der Sündenbock unter den Völkern, nirgendwo erwünscht. Amos wächst in einem Umfeld von Intellektuellen auf, Schriftstellern und Professoren, größtenteils glühenden Zionisten, für die die Gründung des jüdischen Staates das ersehnteste Ziel ist, eine Hoffnung auf ein Ende von Demütigung, Verfolgung und Ermordung, dem Leid, das die jüdische Geschichte seit tausenden von Jahren bestimmt.
Man muss sich auf das Buch einlassen, Amos Oz schildert ausgiebig die Eigenheiten seiner Verwandtschaft, den entbehrungsreichen Alltag mit seinen Eltern, das Lebensgefühl im kargen Land, das damals noch britisches Mandatsgebiet ist. Hat man aber ein-, zweihundert Seiten gelesen, so entfaltet das Buch eine fesselnde Wirkung, Oz hat einen wunderbaren Schreibstill, fantasievoll, bildhaft und unterhaltsam. Man möchte mehr haben von der Weisheit, die in diesen Seiten steckt, der Begnügsamkeit und der Mitmenschlichkeit. Der materiellen Begrenztheit seiner Kindheit setzt der kleine Amos eine farbenfroh blühende Fantasie entgegen, die keines Spielzeugs mehr bedarf. “Notizblöcke mutieren zu Flugzeugträgern, Radiergummi und Spitzer zu Zerstörern, die Heftzwecken zu Seeminen und die Büroklammern zu U-Booten.”
Es ist eine eindrucksvolle Geschichte der Mitmenschlichkeit in Zeiten von Not und Krieg, ein wunderschönes Epos, das einem in Erinnerung bleibt. Darüber hinaus hat das Buch eine politische Dimension. Oz schildert seine eigene Entwicklung vom von den Verwandten geprägten Konservativen zum Linken, zu seiner Begeisterung am Zionismus gesellt sich eine sozialistische Einstellung. Seine Schilderung des Nahostkonfliktes, dieses verfahrenen Dilemmas, hat mich auf eine Weise zum Nachdenken angeregt, wie es schon lange kein Buch mehr geschafft hat.
In den siebziger Jahren war Amos Oz an der Gründung der Initiative Peace Now beteiligt. Zwar teile ich Oz’ Meinung in vielen Aspekten nicht, so befürwortet er beispielsweise den israelisch-palästinensischen Grenzzaun und die verschiedenen “Verteidigungskriege” Israels – in meinen Augen sind diese Handlungen völkerrechtswidrig, menschenverachtend und verschlimmern die Situation nur – doch denke ich, dass Amos Oz einer dieser Menschen ist, die zu der Beilegung dieses Krieges notwendig sind. Der Nahostkonflikt braucht weise, besonnene und idealistische Menschen und eines der großen Probleme ist wohl, dass viele Beteiligte aufgehört haben, sich in die Situation des Gegenübers hineinzuversetzen.
Bildquelle: buecher.de
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