Heute war in der Frankfurter Rundschau ein Interview mit dem Metallica-Frontmann James Hetfield zu lesen. Moment mal, dachte ich mir, das kenne ich doch. Und tatsächlich: Bereits in der Februar-Ausgabe der Titanic (die Ende Januar erschien) wurde Hetfield wegen seinem grenzdebilen Gesabbel zum Thema Guantanamo, Metallica, Politik und Redefreiheit abgewatscht.
James Hetfield!
Als Frontmann von Metallica wurden Sie in einem 3sat-Interview mit der einfachen Frage übertölpelt, was Sie denn davon hielten, daß Ihre Musik bei Verhören auf Guantánamo eingesetzt werde. Neben mehrmaligem Auflachen rangen Sie sich dabei ein paar unmetallisch diffuse Sätze ab: »Ein Teil von mir ist stolz, daß sie Metallica ausgesucht haben … Es ist starke und kraftvolle Musik. Sie repräsentiert etwas, daß diese Menschen nicht mögen – vielleicht Freiheit, Aggression. Ich weiß nicht, Redefreiheit … Ein Teil von mir sorgt sich aber auch, weil wir von manchen Menschen deswegen mit Politik in Verbindung gebracht werden. Wir haben damit nichts zu tun und wollen so unpolitisch wie möglich sein.«
Je nun, Hetfield: das hat ja schon mal nicht geklappt. Und bei dem Quark, den so mancher vermeintlich harte Kerl seiner weichen Birne abzwingt, kann man da gewisse Vorbehalte gegenüber der Redefreiheit nicht zumindest verstehen?
Stark und kraftvoll:
Titanic
Im “neuen” Interview, das laut der Rundschau “jüngst in Frankfurt” aufgezeichnet worden sei, lässt Hetfield ziemlich genau den gleichen himmelschreienden Schrott vom Stapel.
Diese Kraft haben auch andere erkannt: Zeugen zufolge wurde Metallica im US-Knast Guantánamo eingesetzt, um Verdächtige zu zermürben. Waren Sie geschockt, das zu hören?
Wieso geschockt? Es ist ja keiner ernsthaft zu Schaden gekommen. Meine Frau hört manchmal auch Phil Collins im Autoradio – ich wurde gefoltert! (lacht)
Ist Ihnen nicht unwohl, weil Ihre Musik so missbraucht wird?
Wir machen uns darüber keine Gedanken, es ist nichts, was wir stoppen können. Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass sie Metallica dafür ausgewählt haben. Das heißt ja, es ist Musik, die Power hat, machtvoll ist. Wir repräsentieren etwas, dass “die” nicht mögen. Freiheit. Auflehnung. Meinungsfreiheit.
Yeah, Mr. Hetfield. Die aufgrund dubioser Kopfgeldgeschäfte in Guantanamo eingebuchteten afghanischen Bauern, gegen die die CIA absolut keine Vorwürfe, geschweige denn Beweise hat, und die deswegen mit irgendwelchen sinnlosen Foltermethoden in den Wahnsinn getrieben werden, haben bestimmt was gegen Freiheit. Warum sonst sollten sie in Guantanamo sein? Die könnten ja auch ne Metalband gründen und Multimillionäre werden, aber sowas wollen die Museln irgendwie nicht.
Amnesty International hat diese Dauerbeschallung als eine Art der Folter kritisiert.
Was mich viel mehr ärgert, ist dass wir dadurch in einen politischen Zusammenhang geraten. Dass die Leute uns nach unserer Meinung zu Guantánamo fragen. Dabei versuchen wir, so apolitisch wie möglich zu sein. Politik bringt Leute auseinander – wir wollen sie vereinen. Du wirst immer Fans verlieren, wenn du sagst, was du politisch glaubst. Ich will das überwinden und das Konkrete, das Menschliche ansprechen.
Achja, Folter, hihi, das kann man mal mit der Musik von Phil Collins vergleichen – kommt ja keiner zu Schaden bei. Aber Politik, da hört der Spaß auf! Bloß keine politische Meinung äußern, sonst könnten ja die rechtsradikalen Guantanamofans und Kriegshetzer in der eigenen Fanbase vergrault werden, und die würden ihre Metallica-Alben dann womöglich nur noch illegal aus dem Netz saugen. Immerhin, zu Themen wie Filesharing hat der Hetfield ja ne Meinung. (“… ein Prinzip, das mir schon meine Eltern beibrachten: Stehlen ist falsch. So einfach.”)
Ich weiß nicht, welche Erklärung ich schlimmer finden soll. Dass die Frankfurter Rundschau ein offenbar bereits im Januar gehaltenes Interview als neu verkauft. Leider würde das irgendwie passen, die FR ist in letzter Zeit zu einem elendig öden, magerquark-artigen Laberblatt verkommen, aber dann frage ich mich, warum die Übersetzungen in Titanic und FR so unterschiedlich sind. Womit wir bei der zweiten Möglichkeit wären, nämlich dass James Hetfield diesen Bullshit tatsächlich zweimal in verschiedenen Interviews zum Besten gegeben hat. Diese Vorstellung ist wohl noch um einiges trauriger.
Wahrscheinlich sollte man Interviews mit Rockmusikern von Bands, die man mag, einfach nicht lesen. Ernst nehmen auf keinen Fall. Beispiel: Bevor ich das Interview mit Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal gelesen habe, war mir diese Band sympathisch. Aber wenn der Jesse Hughes dann ernsthaft über den “kommunistischen Schwanzlutscher” Obama abpöbelt und sich darüber aufregt, dass er etwas von seiner hart verdienten Kohle (hahaha!) für ein öffentliches Gesundheitssystem abgeben soll – furchtbar, nicht? – kommt mir nur noch die Kotze hoch. In der Hinsicht hat der gute James Hetfield also tatsächlich Recht. Politik kann Leute auseinander bringen. Oder mich zumindest davon abhalten, seine Alben zu kaufen.
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