Politik

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Gerechtigkeit hat für die Deutschen einen hohen Wert. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfK finden allerdings rund 75 Prozent der Bundesbürger, dass es derzeit in Deutschland nicht gerecht zugeht. Die ostdeutschen Teilnehmer der Umfrage beantworteten die Gerechtigkeitsfrage noch skeptischer. (welt.de, via fefe)

Offenbar befindet sich die real existierende soziale Marktwirtschaft in einer leichten Legitimationskrise. Aber jetzt haltet euch fest:

„Es besteht offenbar ein leichter Zusammenhang zwischen dem Gerechtigkeitsempfinden und dem wirtschaftlichen Wohlstand der Region, in der die Befragten leben“, sagte GfK-Experte Klaus Hilbinger.

Captain Obvious arbeitet beim GfK!

Wer meinen Eintrag zur Piratenpartei vom 6. Juni gelesen hat, weiß, dass ich dieser Partei recht skeptisch gegenüberstehe. Zu der Sache mit Bodo Thiesen muss der Vollständigkeit und Fairness halber gesagt werden, dass die Piratenpartei ihn jetzt seiner Ämter enthoben hat und ein Parteiausschlussverfahren gestartet hat. Das ist natürlich zu begrüßen, sollte aber auch selbstverständlich sein.

Nach dem ziemlich grottigen Spot zur Europawahl, der mein Vertrauen in die Computerkenntnisse der Piraten etwas erschütterte, gibt es jetzt einen neuen für die Bundestagswahl – diesmal zum Glück sehr schön gemacht und sehenswert.

Piratenspot “Klarmachen zum Ändern” 2009 FINAL from Christopher Grabinski on Vimeo.

Ja ja, die Ansicht, dass FDP-Wähler per se asoziale Vollidioten sind, die Politik nur so weit interessiert, wie sie ihnen den Schmarotzerpöbel vom Halse hält, und für die “Freiheit” lediglich die Freiheit der Ausbeutung bedeutet, diese Ansicht ist natürlich total undifferenziert und linksradikal. Mir fällt es trotzdem schwer, dieses Feindbildstereotyp loszuwerden, denn dann kommt die FDP einem in die Quere und betreibt Realsatire, die man beim besten Willen nicht mehr durch den Kakao ziehen kann.

“Selbstdenker gesucht” heißt eine Kampagne der FDP, in der Menschen gesucht werden, “die lieber selbst denken”. Denn:

“Selbstdenken ist der Luxus, den sich jeder leisten kann.”

Womit auch bewiesen wäre, dass das sozialistische Propagandageschwätz von Armut in Deutschland jeglicher Grundlage entbehrt, weil hier jeder eine Chance auf Luxus hat. Dafür, dass der Pöbel lieber den ganzen Tag vor der Glotze hängt, statt mal zu selbstdenken, kann die FDP ja nichts. Die Resultate des Selbstdenkens – dieser Begriff mutet meiner Meinung nach irgendwie scientologisch an – sind beachtlich. Wo hat man schon so umwerfende Begründungen für eine Parteipräferenz zu lesen bekommen?

Einig sind sich die Selbstdenker in der Ablehnung der Regulierungswut des Kleptokratenstaates. Mitunter kommt der Verdacht auf, dass zu den kritisierten Knechtungen durch den überbordenden Staat auch die geregelte Rechtschreibung gehört.

Wobei, auch wenn wir über die kleinen Rechtschreibschwächen hinwegsehen, immer noch die Frage bleibt, was der Unterschied zwischen Tun und Handeln ist. Sei’s drum.

Angesichts der großartigen Binsenweisheiten, kombiniert mit den sympathischen Fotos daneben, kann ich nur noch sagen: Respekt, FDP, großes Kino! Da überlegt man fast, dem “FDP Bürgerfonds” 20 Euro zu spenden (damit kann man “ca. 120 Bierdeckel drucken”). Schließlich muss die FDP jetzt wegen den Machenschaften des Herrn Möllemann eine Millionenstrafe zahlen. Andererseits denk ich mir: Eine Millionenstrafe – sowas bezahlt die FDP-Klientel doch wohl aus der Portokasse.

Fähnchen im Wind

Logo der Piratenpartei

Die Piratenpartei liegt momentan voll im Trend. Seit Jörg Tauss, ehemaliger SPD-Abgeordneter, der Partei beigetreten ist, hat sie sogar einen Sitz im Bundestag. Bei der Europawahl erlangten die Piraten in Deutschland einen Achtungserfolg von 0,9 Prozent, in Schweden waren es sogar 7,1 Prozent, genug für einen Sitz im Europaparlament. Doch wofür stehen die Piraten eigentlich? Die großen Medien stempeln die Partei in gewohnt merkbefreiter Manier als schlichte Klientelpartei der Raubkopierer ab, die lediglich ihr “Recht” auf illegale Downloads durchsetzen wollen. Das ist natürlich höchstens die halbe Wahrheit.

Unter “unsere Ziele” findet man auf der Website der Piraten als Hauptthemen informationelle Selbstbestimmung, eine Reform des Patent- und Urheberrechts, Transparenz des Staates und Open Access (d.h.: Werke, die von der Allgemeinheit finanziert werden, sollen dieser auch zur Verfügung stehen). Zusammenfassen könnte man das wohl einerseits unter dem Begriff “Mehr Freiheit im Netz”, andererseits soll der Begriff des geistigen Eigentums hinterfragt und neu definiert werden. Alles sehr wichtige Anliegen, finde ich, die auf jeden Fall unterstützenswert sind.

Man muss aber zugeben, dass der Vorwurf der “Ein-Punkt-Partei” zumindest in Teilen zutrifft. Auf zentrale politische Fragen wie Wirtschafts- und Sozialpolitik, Außenpolitik und Ökologie hat die Piratenpartei keine Antworten. Ziemlich dürftig für eine Partei, die in den Bundestag einziehen will, nicht? Zur Verteidigung gegen diesen Vorwurf wird häufig der Vergleich mit den Grünen in den achtziger Jahren herbeigezogen, die damals in ihrer Programmatik ebenfalls sehr eingeschränkt gewesen, heute aber zu einer vollständig anerkannten Partei herangewachsen seien. Nun, es mag zutreffen, dass man die Grünen in den Achtzigern recht umfassend mit dem Begriff “Müsli-Hippies” umschreiben konnte, genau wie man heute den Großteil der Piraten getrost als Computernerds bezeichnen kann. Anders als bei den Piraten waren die Kernthemen der damaligen Grünen, Ökologie und Pazifismus, jedoch ein so gewichtiger Teil der Lebenseinstellung, dass man wusste, woran man mit dieser Partei war. Von einer IT-Partei wie den Piraten kann man das allerdings nicht behaupten.

Die Internet-Community ist von den Piraten größtenteils hellauf begeistert. Endlich eine Partei, die die junge Generation ernst nimmt! Zensursula ist schlecht, da ist man sich einig, und der Ausbau des Überwachungsstaates muss gestoppt werden. Einigkeit ist etwas tolles. Dabei verliert man jedoch aus den Augen, dass das Internet nicht alles ist. Vorratsdatenspeicherung ist schlecht, keine Frage – es gibt aber wesentlich gewichtigere politische Themen. Sozialstaat, Wirtschaftspolitik, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Immigration… Dazu muss eine ernst gemeinte Partei doch irgendwie Stellung beziehen. Das wollen die Piraten nicht, weil sie es auch nicht können. Ein Einzug in den Bundestag ist nur dann möglich, wenn man alle potentiellen Wähler auch wirklich mobilisiert. Und deren Meinungen zu den oben genannten sind sehr heterogen. Bloß niemanden verprellen, ergo: Maul halten, und die Fahne in den Wind. Letztlich verfolgt die Piratenpartei also eine Taktik der “Querfront“. Ist dieser Begriff zu hart? Ich denke nicht – wer im Dienste des freien Weltnetzes sogar einen Holocaust-Leugner wie Bodo Thiesen in Parteiämter wählt, ist unwählbar. (ausführlicher Artikel dazu auf f!xmbr)

Der Superheld der Blogosphäre und momentanige Pirat im Bundestag, Jörg Tauss, ist ebenfalls eine fragwürdige Person. Ich meine damit nicht die Kinderpornographievorwürfe, in einem Rechtsstaat muss selbstverständlich die Unschuldsvermutung gelten. Abgesehen von seinen zweifellos brillanten Reden zum Thema Bürgerrechte und Internetgesetzen ist der Herr Tauss jedoch ein stinknormaler Sozialdemokrat, im negativen Sinne. Seien es die Kriegseinsätze der Bundeswehr, die Rente mit 67, Bahnprivatisierung, Erhöhung der Mehrwertsteuer – die ganze neoliberale Doktrin – Jörg Tauss ist voll auf Kurs, wenn es um das Verraten sozialdemokratischer Werte geht. (redblog)

Die SPD ist nicht erst mit den Zensurselschen Stoppschildern zur Verräterpartei geworden. Ob sie es nun seit 95 Jahren oder doch erst seit zehn ist, sei mal dahingestellt. Das Korrektiv dazu ist die Piratenpartei jedenfalls nicht.

Bild: Logo der Piratenpartei, Wikipedia

Aggression

Heute war in der Frankfurter Rundschau ein Interview mit dem Metallica-Frontmann James Hetfield zu lesen. Moment mal, dachte ich mir, das kenne ich doch. Und tatsächlich: Bereits in der Februar-Ausgabe der Titanic (die Ende Januar erschien) wurde Hetfield wegen seinem grenzdebilen Gesabbel zum Thema Guantanamo, Metallica, Politik und Redefreiheit abgewatscht.

James Hetfield!

Als Frontmann von Metallica wurden Sie in einem 3sat-Interview mit der einfachen Frage übertölpelt, was Sie denn davon hielten, daß Ihre Musik bei Verhören auf Guantánamo eingesetzt werde. Neben mehrmaligem Auflachen rangen Sie sich dabei ein paar unmetallisch diffuse Sätze ab: »Ein Teil von mir ist stolz, daß sie Metallica ausgesucht haben … Es ist starke und kraftvolle Musik. Sie repräsentiert etwas, daß diese Menschen nicht mögen – vielleicht Freiheit, Aggression. Ich weiß nicht, Redefreiheit … Ein Teil von mir sorgt sich aber auch, weil wir von manchen Menschen deswegen mit Politik in Verbindung gebracht werden. Wir haben damit nichts zu tun und wollen so unpolitisch wie möglich sein.«

Je nun, Hetfield: das hat ja schon mal nicht geklappt. Und bei dem Quark, den so mancher vermeintlich harte Kerl seiner weichen Birne abzwingt, kann man da gewisse Vorbehalte gegenüber der Redefreiheit nicht zumindest verstehen?

Stark und kraftvoll:

Titanic

Im “neuen” Interview, das laut der Rundschau “jüngst in Frankfurt” aufgezeichnet worden sei, lässt Hetfield ziemlich genau den gleichen himmelschreienden Schrott vom Stapel.

Diese Kraft haben auch andere erkannt: Zeugen zufolge wurde Metallica im US-Knast Guantánamo eingesetzt, um Verdächtige zu zermürben. Waren Sie geschockt, das zu hören?

Wieso geschockt? Es ist ja keiner ernsthaft zu Schaden gekommen. Meine Frau hört manchmal auch Phil Collins im Autoradio – ich wurde gefoltert! (lacht)

Ist Ihnen nicht unwohl, weil Ihre Musik so missbraucht wird?

Wir machen uns darüber keine Gedanken, es ist nichts, was wir stoppen können. Ich bin sogar ein bisschen stolz, dass sie Metallica dafür ausgewählt haben. Das heißt ja, es ist Musik, die Power hat, machtvoll ist. Wir repräsentieren etwas, dass “die” nicht mögen. Freiheit. Auflehnung. Meinungsfreiheit.

Yeah, Mr. Hetfield. Die aufgrund dubioser Kopfgeldgeschäfte in Guantanamo eingebuchteten afghanischen Bauern, gegen die die CIA absolut keine Vorwürfe, geschweige denn Beweise hat, und die deswegen mit irgendwelchen sinnlosen Foltermethoden in den Wahnsinn getrieben werden, haben bestimmt was gegen Freiheit. Warum sonst sollten sie in Guantanamo sein? Die könnten ja auch ne Metalband gründen und Multimillionäre werden, aber sowas wollen die Museln irgendwie nicht.

Amnesty International hat diese Dauerbeschallung als eine Art der Folter kritisiert.

Was mich viel mehr ärgert, ist dass wir dadurch in einen politischen Zusammenhang geraten. Dass die Leute uns nach unserer Meinung zu Guantánamo fragen. Dabei versuchen wir, so apolitisch wie möglich zu sein. Politik bringt Leute auseinander – wir wollen sie vereinen. Du wirst immer Fans verlieren, wenn du sagst, was du politisch glaubst. Ich will das überwinden und das Konkrete, das Menschliche ansprechen.

Achja, Folter, hihi, das kann man mal mit der Musik von Phil Collins vergleichen – kommt ja keiner zu Schaden bei. Aber Politik, da hört der Spaß auf! Bloß keine politische Meinung äußern, sonst könnten ja die rechtsradikalen Guantanamofans und Kriegshetzer in der eigenen Fanbase vergrault werden, und die würden ihre Metallica-Alben dann womöglich nur noch illegal aus dem Netz saugen. Immerhin, zu Themen wie Filesharing hat der Hetfield ja ne Meinung. (“… ein Prinzip, das mir schon meine Eltern beibrachten: Stehlen ist falsch. So einfach.”)

Ich weiß nicht, welche Erklärung ich schlimmer finden soll. Dass die Frankfurter Rundschau ein offenbar bereits im Januar gehaltenes Interview als neu verkauft. Leider würde das irgendwie passen, die FR ist in letzter Zeit zu einem elendig öden, magerquark-artigen Laberblatt verkommen, aber dann frage ich mich, warum die Übersetzungen in Titanic und FR so unterschiedlich sind. Womit wir bei der zweiten Möglichkeit wären, nämlich dass James Hetfield diesen Bullshit tatsächlich zweimal in verschiedenen Interviews zum Besten gegeben hat. Diese Vorstellung ist wohl noch um einiges trauriger.

Wahrscheinlich sollte man Interviews mit Rockmusikern von Bands, die man mag, einfach nicht lesen. Ernst nehmen auf keinen Fall. Beispiel: Bevor ich das Interview mit Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal gelesen habe, war mir diese Band sympathisch. Aber wenn der Jesse Hughes dann ernsthaft über den “kommunistischen Schwanzlutscher” Obama abpöbelt und sich darüber aufregt, dass er etwas von seiner hart verdienten Kohle (hahaha!) für ein öffentliches Gesundheitssystem abgeben soll – furchtbar, nicht? – kommt mir nur noch die Kotze hoch. In der Hinsicht hat der gute James Hetfield also tatsächlich Recht. Politik kann Leute auseinander bringen. Oder mich zumindest davon abhalten, seine Alben zu kaufen.

In Honduras haben die Militärs den Präsidenten Zelaya weggeputscht:

Ein Militärputsch gegen den gewählten Präsidenten Honduras, Manuel Zelaya, ist international auf Kritik gestoßen. Der linksliberale Staatschef war am frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) von rund 200 schwer bewaffneten und maskierten Soldaten aus seinem Wohnhaus in der Hauptstadt Tegucigalpa verschleppt worden. Die Putschisten flogen den Präsidenten unmittelbar nach der Entführung in das ebenfalls mittelamerikanische Costa Rica aus. (Telepolis)

Dass linkslastige Präsidenten in Zentral- und Südamerika vom Militär abgesägt werden, ist ja leider nichts neues. Wenn es um die Erhaltung der Freiheit – will sagen: der freien Markwirtschaft – geht, darf man das mit Demokratie usw. auch nicht so eng sehen. Findet zumindest die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung.

Während der Staatsstreich international – auch in den USA und in der EU – auf entschiedene Kritik stieß, lobt der Vertreter der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ die „Rückkehr zu Rechtsstaat und zu Verfassungsmäßigkeit“ durch einen Militärputsch in Honduras. (ebenfalls Telepolis)

… was ein weiteres mal zeigt, welche, oder vielmehr wessen Freiheit die “Liberalen” meinen. Und wie ernst ihre vorgeblich ablehnende Haltung gegenüber Militäreinsätzen im Inneren zu nehmen ist. Wenn das die “Rückkehr zu(m) Rechtsstaat” ist, wird uns langsam klar, was mit dem “Rechtsstaat” eigentlich gemeint ist. Wo rote Socken an der Macht sind, kann nämlich schon per Definition kein Rechtsstaat sein. Da ist dann höchtens so “eine Art vegetarischer Schlachthof” (Westerwelle), aber für solche Fälle gibt es ja nette, zuvorkommende Generäle, die das echte Metzger-Handwerk noch beherrschen.

Venceremos!

Bild: Carlos Latuff

Weil ich momentan unglaublich faul bin, gibts diesmal lediglich ein paar Links:

(via fefe)

dazu:

- ein recht langer Text von dem von mir sehr geschätzten Christoph Butterwegge aus der jungen Welt von heute: “Prinzip Reichtumsmehrung”

Zu den fatalen Folgen der Weltfinanzwirtschaftskrise dürften eine auf Rekordniveau steigende Arbeitslosigkeit, die zunehmende Verelendung von Millionen Menschen und eine dramatische Verschuldung aller Gebietskörperschaften des Staates, d.h. »öffentliche Armut« in einem ungeahnten Ausmaß gehören. Gleichzeitig wird sich der Reichtum noch stärker bei wenigen Kapitalmagnaten, Finanzinvestoren, Investmentbankern und Großgrundbesitzern sammeln, wenn man dem nicht energisch entgegensteuert. Während die das Krisendebakel wesentlich mit verursachenden Spekulanten mittels eines »Rettungsschirms« aufgefangen werden, müssen die Mittelschicht, Arbeitslose und Arme jene Suppe, die Banker und Börsianer der gesamten Bevölkerung eingebrockt haben, vermutlich einmal mehr auslöffeln. Wenn die privaten Banken den für sie bürgenden Staat zur Kasse bitten, wird für die sozial Benachteiligten und die wirklich Bedürftigen kaum noch Geld übrigbleiben. Zusammen mit der im Grundgesetz verankerten »Schuldenbremse« führen Bürgschaften und Kredite in Milliardenhöhe zu überstrapazierten Haushalten, wodurch sich »Sparmaßnahmen« natürlich eher als sonst legitimieren lassen. Die neue Bundesregierung wird vermutlich eine »Agenda 2020« auflegen und massive Kürzungen im Sozialbereich vornehmen.

- “Ein Mann wird kälter”, ein etwas älterer Schinken von Stefan Gärtner aus der Titanic (11/2002) – die kursiven Parts sind Zitate von Hans-Olaf Henkel

So gut unsere Vorsätze auch sind, den Henkelschen Ausführungen mit einem größtmöglichen Maß an Einfühlungsvermögen und Vorurteilsfreiheit zu begegnen: leicht macht er’s einem nicht. Denn so geschmeidig die Parataxen über zu teure Arbeit, zuviel Sozialkram, lähmende Betriebsräte und die Verteufelung des guten deutschen Leistungsgedankens dem ungeübten Leser auch ins Hirn fahren mögen, so durchsichtig ist der Versuch, das gute Argument nicht allein den Ideologen zu überlassen: Kein Wunder, daß die weltweite Informationsgesellschaft bei uns gerne als Ausgeburt des Großkapitals denunziert wird, genauso wie Fleischsalat aus der Packung, die Sommerzeit und das Spätprogramm von RTL2. Prompt belieferten [die Denunzianten] den Markt mit einer Flut von Büchern, die, auf PCs geschrieben und per E-Mail an die Verlage geschickt, gegen die Perversionen des Computerzeitalters polemisierten – ein halbes Königreich und meine noch nicht gezeugte Tochter für jeden, der die grundverheuchelte Linke ähnlich fehlerfrei decouvriert, ja zerschmettert. Aber bitte dabei nicht überarbeiten: Denn wer sich mehr bemüht als andere, gerät leicht in Mißkredit. Das beginnt schon an den Schulen, wo der Leistungswillige als “Streber” denunziert wird – ein Wort übrigens, das sich nicht ins Englische übersetzen läßt, es sei denn, man hat Langenscheidts Großes Schulwörterbuch zur Hand, welches unter jenem Lemma immerhin sechs Einträge hat. Sei’s drum.

- “Eigentum ist Landraub“, feynsinn vom Dienstag

Die Menschheit ist, statistisch betrachtet, unerhört reich. Dieser Reichtum muß organisiert werden. Ob einige reicher sind als andere, das interessiert nicht einmal die letzten Leninisten. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, daß die kapitalistische Organisation der Welt und ihrer extremistischen Kollateralerscheinungen zum globalen Horror avanciert. Die Menschheit ist besessen vom Eigentum. Die einen, weil sie glauben, ihnen gehörte ganz allein das Brot von Hunderttausenden, die anderen, weil sie glauben, wenn sie ihr Leben opferten, gehörte ihnen ein Land im Jenseits.

Was ist so schwer daran, eine menschliche Gesellschaft organisieren zu wollen, die weniger Eigen und mehr Miteinander kennt?

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