Interessant, was die Union alles “unerträglich” findet.
Erwin Sellering, Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, sorgt mit Äußerungen zur deutschen Vergangenheit für Aufregung. Er verwahre sich dagegen, “die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen”. Die CDU findet das unerträglich. (Spiegel Online)
Das war vor zwei Monaten, und es ging um ein emotional wunderbar aufgeladenes Thema: Die DDR. Der “Unrechtsstaat” ist momentan auf allen Kanälen, Gesine Schwan vermurkst sich damit ihre Präsidentschaftschancen, Oskar Lafontaine wird vom Spiegel pseudoinvestigativ zum Unrechtsstaat befragt. Dass in der DDR mitunter schreckliches Unrecht geschah, man denke nur an die Mauertoten, an die umfassende Bespitzelung und den Psychoterror durch die Stasi, das Einbuchten und Foltern von Regimegegnern, das Nichtvorhandensein wirklicher Demokratie – das alles bestreitet nach meinem Kenntnisstand niemand in der deutschen Politik, von ein paar einzelnen, wirren DKP-Vertretern vielleicht mal abgesehen. Inwiefern der Begriff “totaler Unrechtsstaat” uns also weiterbringt, wenn es um die Betrachtung der DDR geht – ich weiß es nicht. Im Superwahljahr sind solche Begriffe jedoch wunderbar geeignet, um sozialistische Ideen und Vorschläge ohne weitere Diskussion als indiskutabel abzutun. Das tatsächliche Unrecht im Unrechtsstaat tritt in den Hintergrund, der “Unrechtsstaat” wird zum billigen Kampfbegriff von Neoliberalen, denen momentan die Trümmer ihrer verfahrenen Ideologie um die Ohren bröckeln.
Bei der Podiumsdiskussion zur Europawahl in unserer Schule wusste die FDP-Vertreterin (die Union ist ja nicht mal aufgetaucht) ihre Ablehnung des Mindestlohns auch nicht tiefsinniger zu begründen, als dass die DDR jetzt 20 Jahre vorbei sei, und die ja keiner zurückhaben wolle. Die DDR als Totschlagargument, dort war schließlich alles schlecht, und jeder Gedanke daran, dass es vielleicht Alternativen zu einem System geben könnte, in dem weite Teile der Bevölkerung mittels eines maroden dreigliedrigen Schulsystems und einer immer sozialdarwinistischeren Wirtschaftsordnung systematisch ins Abseits gedrängt werden, wo sie dann bei der örtlichen Tafel ihre Lebensmittelalmosen bekommen, ist letztlich eine Verhöhnung der SED-Opfer und eine Verharmlosung des DDR-Polizeistaats. Kritische, differenzierte Betrachtung der Geschichte ist das nicht. Es lässt aber viele Debatten über soziale Probleme ins Sinnlose abdriften.
Absurd wird es dann, wenn Unionspolitiker auf einmal alles differenzieren und relativieren wollen. Unrecht total, das gab es in der DDR – im Dritten Reich dagegen nicht. Momentan gibt es im Bundestag eine Debatte über die Rücknahme von Urteilen aus der Nazizeit. Aus der FR von heute:
Im Jahr 2002 beschloss die rot-grüne Regierung, alle Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und “Wehrkraftzersetzer” pauschal zu rehabilitieren. In der NS-Zeit waren etwa 30 000 Todesurteile wegen dieser “Delikte” ergangen. Die einzigen, die von der Rehabilitierung ausgenommen wurden, waren jene, die wegen “Kriegsverrat” (Paragraf 91b des Reichsstrafgesetzbuchs) verurteilt wurden. Denn es könne nicht ausgeschlossen werden, dass andere durch deren Taten zu Schaden gekommen seien.
Inzwischen liegen Studien vor, die nicht einen Fall beschreiben, in denen ein “Kriegsverräter” jemandem geschadet hat. Vielmehr seien in den letzten Kriegsjahren, so schreiben die Militärhistoriker Wolfram Wette und Detlef Vogel nach Auswertung von 33 Urteilen, meist “einfache Soldaten” verurteilt worden. Oft reichten kritische Worte über das Regime für ein Urteil aus. Wettes Fazit: Über Kriegsverräter kursieren falsche Vorstellungen.
Soldaten wurden zum Tode verurteilt, weil sie die Hitler-Regierung kritisierten, und diese Urteile sind bis heute nicht zurückgenommen. Die Rehabilitierung der “Kriegsverräter” scheitert am Widerstand der CDU/CSU.
Von Gruppeninteressen will Norbert Geis nichts wissen. Der CSU-Politiker steht an der Spitze jener Politiker, denen eine Rehabilitierung ein Graus ist. [...] Bei einer pauschalen Rehabilitierung könne nicht ausgeschlossen werden, dass es Fälle gebe, in denen ein Verräter eben doch anderen geschadet habe. Darüber hinaus sei eine solche pauschale Aufhebung unerträglich für ihn, weil damit die Arbeit von Juristen in der NS-Zeit pauschal verunglimpft würde. “Alle Urteile würden damit zu Unrechtsurteilen.”
“Unerträglich” – womit wir wieder am Anfang wären. Gut, Norbert Geis ist nicht die gesamte CSU, “Verteidigungs”-Minister Franz Josef Jung hat zum Beispiel “keine Vorbehalte” gegen die Amnestie. Wohlgemerkt aber scheitert die Aufhebung der Urteile am Widerstand der gesamten CDU/CSU. Und das zeigt meiner Meinung nach die eigentliche Haltung der Konservativen zu Diktaturen. Pauschal darf man das nicht alles verunglimpfen, Ausnahme: es handelt sich um die Diktatur des Proletariats, und sei es nur die selbsternannte.
Den Gedanken, dass diese Leute wahrscheinlich im Herbst (wieder) unsere Regierung stellen, finde wiederum ich unerträglich.
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