…hättet ihr sie längst gerettet!
“Wir zahlen nicht für eure Krise!” war das Motto der gestrigen Demos in Frankfurt und Berlin. Kai und ich waren in Frankfurt dabei. Trotz des unsäglichen Wetters – Petrus scheint Bänker zu sein – sind zehntausende auf die Straße gegangen. In Frankfurt will die Polizei 12.000 Demonstranten gezählt haben, Attac sprach von 25.000. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. In Berlin (und London!) waren es sogar noch einige tausend mehr. Auf jeden Fall ein beeindruckender und vielversprechender Auftakt für die Proteste zum “Geburtstag” der NATO in den kommenden Wochen! Die Stimmung war sehr cool, obwohl uns einige der Antifa-Heinis etwas auf die Nerven gingen.
Beginn war für uns um 12 Uhr am Hauptbahnhof. Auffällig war die Vielzahl an anwesenden Gruppierungen: Attac, Linkspartei, ver.di, IG Metall, DKP etc., überall rote und orangene Flaggen – so muss das sein! Die Redner von GEW und BUND machten ihre Sache sehr gut und brachten es auf den Punkt. Auch eine Rednerin vom Sozialforum aus Griechenland war angereist und unterstrich den internationalen Charakter der Proteste. Unangenehm aufgefallen dagegen ist uns der Sprecher des Schülerstreikkomitees. Der Kerl brüllte derart fanatisch ins Mikro, dass wir die Flucht ergriffen und uns zu einer Gruppe DKP-Vertretern mit stellten. Dieses Schülerstreikkommitee muss schon ein ganz schöner Flaschenverein sein, wenn das deren kompetentester Vertreter sein soll. Tolles Zeugnis für die Jugend, waren wir uns einig. Zum Trost bekamen wir aber je eine Ausgabe der Tageszeitung junge Welt geschenkt. :)

Rechtzeitig zum Marsch durch Frankfurt, vorbei an den Wolkenkratzern der Banken, ließ der Regen dann zum Glück doch etwas nach, höllisch windig blieb es aber trotzdem. Der riesige Schwall an Demonstranten war auf jeden Fall sehr beeindruckend. Ein besseres Zeichen kann man wohl kaum setzen. Hinter uns formierte sich der obligatorische schwarze Block, die Kerle blieben aber zum Glück friedlich, und auch die Polizei hatte die Lage gut im Griff. Ziel des Demonstrationsmarsches war der Römer, wo der Zug vom Hauptbahnhof mit dem von der Bockenheimer Warte zusammentraf.
Dort fand dann auch die Abschlusskundgebung statt. Attac-Vetreter verschenkten die grandiose Zeit-Ausgabe von 2010. Zwar ging uns der leicht eintönige US-amerikanische Protestsänger etwas auf die Nerven, die Rednerinnen von ver.di und attac konnten aber überzeugen. Unangenehm wurde die Stimmung, als Oskar Lafontaine seine Rede beginnen wollte. Der schwarze Block begann ein Pfeifkonzert und fing dann an, Lafontaine mit Eiern zu bewerfen. Für die Demoteilnehmer, die ihn hören wollten, war das Ganze natürlich ziemlich nervig. Lafontaine meisterte die Situation respektabel und hielt seine Rede unter einem Regenschirm, der ihn von den Wurfgeschossen abschirmte: “Wir sollten zusammen stehen und nicht kleinkarierte Kämpfe untereinander austragen.” Den Autonomen jedoch ging es offensichtlich viel weniger um Politik als um Selbstinszenierung, im Anschluss an ihr Pfeifkonzert fackelten sie noch einen großen Panzer aus Pappmaché ab, wodurch ein großer Teil der Menge mit Asche vollgeweht wurde. Etwas entnervt wegen der Asche gingen wir dann.

Der Eindruck bleibt: Es tut sich was. Ein tolles Gefühl, gemeinsam mit so vielen Leuten auf die Straße zu gehen. Dass bei so vielen tausend Menschen einige schräge Gestalten (DKP, Antifa…) dabei sind, ist nicht verwunderlich. Man mag sich ärgern, dass durch die unterschiedlichen Vorstellungen der verschiedenen Vertreter die Demo an Wirkungskraft verliert, weil es keinen Konsens über die Lösung der Probleme gibt, aber: Meinungspluralismus ist die Grundlage der Linken. Andererseits muss man sich, um etwas zu erreichen, darauf besinnen, dass es allen um das gleiche geht: Solidarität, Frieden, Ökologie und Demokratie. Dass das möglich ist, hat die Demo in unseren Augen gezeigt. Eine andere Welt ist möglich, jetzt müssen weitere Proteste folgen.

Wann bekommt man schon so viele Zeitungen geschenkt?
Wie viele Leute da waren, sieht man besonders beeindruckend auf diesem dpa-Foto. Die obigen Fotos sind vom Kai. (CC)
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