
"Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin dein Fehler besteht."
Was für ein Wahlkrimi! Und doch hat Joachim Gauck, wahlweise auch “der bessere Präsident” oder “der deutsche Obama” (Spiegel bzw. dessen Online-Ableger), nicht vermocht, den von höchster Stelle designierten Parteisoldaten Wulff zu schlagen. Und wer ist schuld? Natürlich die Linke, wie gestern und heute erwartungsgemäß zu hören war. Irgendein Grünen-Vertreter, dessen Namen ich leider vergessen habe, sagte heute im HR, es habe sich gezeigt, dass die Linke “auch 20 Jahre nach der Wende” nicht in der Lage sei, einen zu wählen, der in der DDR “auf der anderen Seite” gestanden habe, damit sei also klar geworden, dass Linke, SPD und Grüne nicht als gemeinsames Lager angesehen werden könnten usw. usf.
Verdammt noch mal, denkt man sich, worum ging es gestern überhaupt? Nachdem es schon bei den Koalitionsverhandlungen in NRW fast ausschließlich um den vor 20 Jahren verblichenen, zweiten deutschen Staat zu gehen schien, wurde nun also auch die Bundespräsidentenwahl zum DDR-History-Politthriller. Dass es für eine linke Partei ein No-Go ist und auch sein muss, einen zu wählen, der die Nato-Kriege in Jugoslawien, im Irak und in Afghanistan befürwortet (hat), für den soziale Gerechtigkeit eine Bedrohung der “Freiheit” (vgl. auch das hier) zu sein scheint, und der sich zuweilen auch durch äußert fragwürdige Ansichten zur deutschen Geschichte auszeichnet (siehe dazu diesen Artikel aus den “Blättern”), all das scheint in der Diskussion keine Rolle zu spielen. Die Reduzierung Gaucks auf seine Rolle als ehemaliger Leiter der damals nach ihm benannten Behörde ist ungefähr so platt, als würde man SPD und Grünen vorwerfen, sie hätten ein gestörtes Verhältnis zu Frauen, weil sie mit Luc Jochimsen die erste Frau zur Bundespräsidentin hätten machen können. Klingt doof? Ist es ja auch.
Bleibt nur noch die Frage, wer jetzt eigentlich “unser” neues Staatsoberhaupt ist. Ein politisch bisher völlig akzentloser “Wohlfühl”-Wahlkämpfer, Krawattenmann des Jahres 2006, der in bester Hans-Werner-Sinn-Manier Managerkritik mit “Pogromen” vergleicht, Unterstützer des Fundi-Vereins “ProChrist“ – kurzum einer, wie man ihn von der CDU erwartet, und wie er unseren Staat nicht besser repräsentieren könnte. Wäre sein Vorname nicht “Christian”, könnte man sagen: ein würdiger neuer Bundeshorst.
Bild: geklaut vom Spiegelfechter


Letzte Kommentare