Ein weiteres Armutszeugnis in Sachen Moral und Niveau ist der Umgang unserer Medienlandschaft mit dem Selbstmord des Torhüters Robert Enke. Was in Robert Enke vorging, weiß niemand, was dagegen in den verantwortlichen Redakteuren vorgeht, kann man sich denken: “Geil, wieder ein Prominenter tot!” Eine persönliche Tragödie als Medienspektakel – im Falle von Selbstmorden ist das nicht nur moralisch äußerst fragwürdig, sondern schlicht fahrlässig, denn dort gibt es den sogenannten Werther-Effekt.
Als Werther-Effekt wird in der Medienwirkungsforschung das durch wissenschaftliche Studien belegte Phänomen bezeichnet, dass Suizide, über die in den Medien ausführlich berichtet wird, eine signifikante Zahl von Nachahmungstaten auslösen. (wiki)
Einen ausführlichen Artikel dazu gibt es beim Spiegelfechter. Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle die Frankfurter Rundschau, die den makaberen Medienzirkus auf die Spitze treibt. Mit Sicherheit sind andere Medien noch schlimmer, aber für mich ist das eine persönliche Enttäuschung, weil ich lange große Stücke auf die FR gehalten habe, und es besonders traurig finde, den Niedergang dieser Zeitung beobachten zu müssen.
Da wird der Suizid als Thema des Tages auf insgesamt sieben Seiten ausgeschlachtet, auf eine Art und Weise, die als Musterbeispiel in ein journalistisches Lehrbuch aufgenommen werden könnte – “wie erzeugt man einen möglichst großen Werther-Effekt”.
Am 10. November 2009 um kurz nach 18 Uhr parkt Enke seinen Geländewagen in der Nähe eines Bahnübergangs bei Neustadt. Er wirft sich gegen 18.25 Uhr vor einen Regionalzug.
Diese absolut nichtssagenden Details werden nicht nur in einem reißerischen “Info”-Kasten an den Leser gebracht, nein, das Ganze wird im Artikel über mehrere Absätze detailliert ausgewalzt. Der Artikel endet mit den Worten “Danke Robert. Und halt das Himmelstor sauber!” Der Gipfel der Scheinheiligkeit folgt auf der nächsten Seite.
Besonders fürchten die Bahner nun den “Werther-Effekt”. Bei prominenten Selbstmördern häufen sich die Nachahmer wie nach dem Erscheinen von Goethes Roman.
Dabei wird das zentrale Element des Werther-Effekts natürlich weggelassen: die Medienberichterstattung. Das ist wirklich unterstes Niveau.
P.S.: Mir ist dabei bewusst, dass sich bei meiner Kritik die Katze ein wenig selbst in den Schwanz beißt, denn schließlich handelt dieser Eintrag auch von Enkes Selbstmord. Das lässt sich leider nicht vermeiden.

Unsere Demokratie ist eine ziemlich frustrierende Veranstaltung. Egal was man ankreuzt, irgendwie kommt am Ende immer Schwarz-Gelb raus. Und wenn das Volk sich mal verwählt und eine Mehrheit jenseits des bürgerlichen Lagers generiert, dann kommt trotzdem Schwarz-Gelb raus. So zum Beispiel in Gestalt einer rot-grünen Bundesregierung, die, kaum an der Macht, die sozialromantischen Hosen herunterließ und die neoliberale Abrissbirne auspackte. Zwar verspielte die SPD damit ihre Glaubwürdigkeit für die nächsten drölfzig Jahre, aber Glaubwürdigkeit erwartet sowieso keiner mehr, und so gelang es der Partei mit kleiner Hilfe einer Jahrhundertflut, einem sich rechtzeitig anbahnenden Raubzug im Mittleren Osten und einer gehörigen Portion Gasgerd-Charisma sogar, sich wiederwählen zu lassen, bevor sie 2005 zur offensichtlichen Mehrheitsbeschafferin der CDU degenerierte und dafür im September die langverdiente schallende Ohrfeige kassiert hat.
Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung von Typographie. Doch manchmal kommt es ja auch vor, dass man als Laie ein gewisses, dumpfes Gefühl, einen Gedanken über etwas in sich trägt, und dann eines Tages, wenn man diesen Gedanken irgendwo artikuliert sieht, wozu man selbst aufgrund der eigenen Laienhaftigkeit nicht in der Lage war, fällt es einem wie Serifen von den Augen.
Einen langen Wälzer anzufangen, kostet mich immer ein Stück Überwindung. Es wird eine ganze Weile dauern, bis man ein solches Buch durchgelesen hat, und man muss sich auf die Geschichte, die Personen, auf den Schreibstil und die Denkweise des Autors wirklich einlassen. Doch darin liegt die Stärke von Büchern: Gerade man so viel Zeit mit ihnen verbringt, ist die Erfahrung viel intensiver, als wenn man beispielsweise einen Film anschaut, von dem man sich hundert Minuten berieseln lässt, und der dann in der Versenkung des Vergessens verschwindet.
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